Auswirkungen I: „Es ist wie Mobbing“ – Interview

2. September 2009 | Kategorien: Kapitel des Reports | drucken

Wirkungen auf Traumatisierte – Interview mit der Psychotherapeutin Ruth Bierich

Anfang 2005 erschien der Abschlussbericht einer Untersuchung1 über die Häufigkeit von posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) bei Asylsuchenden, durchgeführt von der Universität Konstanz in Kooperation mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Bei 40 Prozent der untersuchten Flüchtlinge stellten die psychiatrischen Fachleute die klinischen Merkmale der PTBS fest. Zum Vergleich: Für die Bevölkerung wird ansonsten eine  Häufigkeit von einem Prozent angenommen.

Ruth Bierich arbeitet seit 1997 im Berliner Verein Osteuropa Kultur e.V.  therapeutisch mit bosnischen Kriegsflüchtlingen und seit acht Jahren als französischsprachige Therapeutin in der Berliner Einrichtung Xenion – Psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte, die aus Mitteln der EU, des UNHCR und verschiedener Stiftungen finanziert wird. Im Interview berichtet die Psychotherapeutin, die auf die Arbeit mit schwer Traumatisierten spezialisiert ist, von den Auswirkungen der räumlichen Aufenthaltsbeschränkung auf ihre Patienten und Patientinnen.

Welche Hindernisse gibt es für Flüchtlinge, überhaupt bei Xenion in Behandlung zu kommen?

Der Kontakt zu uns entsteht in der Regel über Beratungsstellen. Wenn die Patienten aus den benachbarten Bundesländern kommen, ist die Anreise oft ein großes Problem, aber alle, die in dem Bereich arbeiten, machen die Erfahrung, dass allein die Möglichkeit, einen Gesprächspartner in der Muttersprache oder in der vertrauten Amtssprache des Herkunftslandes zu haben, von extremer Wichtigkeit ist. Die Leute nehmen viel dafür auf sich. Wenn sie merken, wie gut ihnen das tut, und sie dann diese Verlassenserlaubnis nicht bekommen, ist es wirklich tragisch.

Mit welcher Begründung verweigern die Ausländerbehörden die Verlassenserlaubnis?

Manche halten sich einfach an den Buchstaben des Gesetzes und sagen: Es gibt kein Recht darauf. Sie weigern sich vollständig, den Ermessensspielraum wahrzunehmen. Dann haben wir lange Briefwechsel. Zum Beispiel habe ich eine Patientin aus dem Umland von Berlin, also grad um die Ecke, die keine Verlassenserlaubnis bekommt. Eine Begründung wurde zunächst gar nicht gegeben. Wir wiesen dann darauf hin, dass es doch zu würdigen sei, dass sie ein spezifisches Therapieangebot hat, eines, das die Kommune noch dazu nichts kostet. Trotzdem besteht die Behörde darauf, sie könne vor Ort Ärzte aufsuchen. Das ist rational nicht nachvollziehbar. Es kommt sie sogar teurer.

Wir machen aber auch die Erfahrung, dass Verlassenserlaubnisse nach viel Schriftverkehr schließlich doch gewährt werden. Es ist immer davon abhängig, ob das Argument, die Therapie ist wichtig und sinnvoller, als die Leute in die Psychiatrie einweisen zu lassen, offene Ohren findet. Und es gibt Fälle, in denen die Verlassenserlaubnis verweigert wird, wenn wir gleichzeitig die Übernahme der Fahrtkosten beantragen. Dann wird das im Doppelpack abgelehnt.

Es fahren ja sehr viele Leute auch ohne diese Erlaubnis.

Ja, das erlebe ich auch seit Jahren, dass die Leute dann unerlaubt fahren und ganz erhebliche Ängste haben, dass sie kontrolliert werden könnten, zumindest in der ersten Zeit. Ich habe in meiner langen Praxis noch nie Patienten gehabt, für die Kontrollen, sei es durch Polizei oder andere Uniformierte, nicht extrem belastend gewesen wären, unabhängig davon, ob sie einen Fahrschein und eine Verlassenserlaubnis bei sich hatten oder nicht. Eine Kontrolle löst jedes Mal tief in den Körper eingegangene Ängste aus. Sie aktiviert Erinnerungen an traumatische Erfahrungen mit Soldaten, an Übergriffe, an Folter. Solche Situationen stellen eine Retraumatisierung dar, auch die Angst davor wirkt so. Die Beamten sind vermutlich nicht alle gleichgültig demgegenüber, aber ihnen wird diese Wirkung gar nicht klar sein. Fast alle meine Patienten wechseln die Straßenseite, wenn ihnen jemand entgegenkommt, der kontrollieren könnte. Es gibt sicherlich auch die, die sich an Kontrollen gewöhnen und Gelassenheit entwickeln, aber aus meinem Patientenkreis kenne ich das nicht. Dabei ist bis auf eine kongolesische Patientin aus Nordbrandenburg noch nie jemand auf dem Weg zu mir erwischt worden.

Werden die Kontrollen als Rassismus erlebt?

Zum Teil absolut ja, zum Teil auch nicht. Diese kongolesische Patientin zum Beispiel erlebt Kontrollen, von denen nur sie als Dunkelhäutige betroffen ist, durchaus als Rassismus, aber hauptsächlich erlebt sie sie als beschämend und als bedrohlich auf dem Hintergrund ihrer Geschichte. Denn sie knüpfen direkt an traumatische Erfahrungen in ihrem Heimatland an, wo sie von Uniformierten brutal misshandelt wurde, ihre Kinder, 10 und 12 Jahre alt, wurden vor ihren Augen abgeführt. Sie weiß bis heute nicht, wo sie sind. Diese Erlebnisse verdichten sich in dem einen kontrollierenden Beamten. Viele Flüchtlinge waren in ihren Ländern Willkür und Gewalt durch Polizeikräfte ausgesetzt, so dass Polizei unwillkürlich Ängste auslöst, und ich nehme an, es ist bei vielen so, dass die Schikane einer Kontrolle als intime, persönliche Geschichte erlebt und oft nicht dem Rassismus zugeschlagen wird.

Die kongolesische Patientin hat inzwischen mit ihrem Mann eine Wohnung beziehen dürfen, weil es ihr im Heim so dramatisch schlecht ging. Sowohl im Heim als auch jetzt in der Wohnung leben sie in einem tendenziell rassistischen Umfeld. Deshalb geht sie allein nicht aus dem Haus, ein übrigens sehr häufiges Symptom bei Traumatisierten, die nur gezwungenermaßen allein und nicht ohne Angst unterwegs sind. Das verstärkt sich noch durch eine feindliche Umgebung. Beide Eheleute haben Angst, dass ihnen etwas passieren könnte, weil die Androhung von Gewalt in der Luft liegt und es auch schon zu gewalttätigen Übergriffen auf andere Asylbewerber kam. 

Zur rassistischen Atmosphäre, in der das Ehepaar lebt, tragen auch die Behördenangestellten in der Kreisstadt bei. Ich hatte mehrere Gespräche mit verschiedenen Ämtern, die im Ort mit meiner Patientin und ihrem Mann befasst waren. Ich bekam durch die Art, in der mit mir über sie gesprochen wurde, den Eindruck, ein sehr abwertender, rassistischer Blick wird als Konsens mit mir als Deutscher vorausgesetzt. Das fand ich ganz verblüffend. Man kann doch grundsätzlich davon ausgehen, dass ein Rechtsanwalt oder eine Psychologin, die jemanden in Therapie hat, parteiisch mit ihrer Klientin ist, egal wo sie herkommt.

Haben Sie häufig Fälle, in denen eine Festschreibung der Traumatisierung durch die Lebensbedingungen hier stattfindet, also die Umstände, die das Asylverfahrensgesetz vorschreibt?

Unbedingt, leider. Eine Traumatisierung erleidet jemand durch ein einschneidendes, das Leben oder die Integrität der Person bedrohendes Ereignis. Wenn danach nicht in ausreichendem Maß normalisierende, positive Erfahrungen gemacht werden können und die Person in ein Vakuum um dieses traumatisierende Erlebnis herum gezwungen wird, dann ist das in erheblichem Maße schädigend. Generell werden Menschen mit Traumatisierungen nur selten geheilt. Aber sie können sich mit therapeutischer Hilfe stabilisieren und von den Symptomen befreien, indem sie an ihren Ressourcen anknüpfen. Dazu brauchen sie einen sozialen Rahmen, der sie auffängt, eine positive Beschäftigung, die es ihnen ermöglicht, partiell und temporär das Erlebte zu verdrängen, so dass es zunehmend in den Hintergrund tritt. Sie müssen die Erfahrung machen können, dass sie nicht mehr ohnmächtig sind. Asylbewerbern wird das durch die gesetzlichen Auflagen unmöglich gemacht. Durch das endlose Warten auf einen geregelten Aufenthalt und ganz erheblich durch die Isolation und die verordnete Untätigkeit können sie nicht das entwickeln, was andere Traumatisierte vor einer Psychose retten kann. Stattdessen werden sie in eine Chronifizierung getrieben, die durch den fortgesetzten Verlust der Kontrolle über das eigene Leben und die Verhinderung, eigene Ressourcen zu aktivieren, potenziert wird. Daran sind alle Elemente der alltäglichen Einschränkungen durch die gesetzlichen Auflagen beteiligt. Auch die räumliche Begrenzung auf den Landkreis ist ein sehr starker Faktor, weil sie willkürlich einem Menschen das Recht nimmt, sich frei zu bewegen. In einem fremden Land versucht man, Orientierung, Anknüpfungspunkte zu finden, und genau das wird massiv behindert. Man wird gezwungen, irgendwo zu bleiben, wo man keine Angehörigen, keine Freunde usw. hat. Wir haben häufig Fälle, in denen Patienten ihre Verwandten nicht besuchen können. Das wird als extrem schmerzlich, extrem dramatisch erlebt. Für die Patienten und natürlich für jeden Flüchtling ist es ein zusätzliches, unzumutbares und für mich auch vom Grund her gar nicht nachvollziehbares belastendes Moment, dass man sich nicht frei bewegen kann, und die Macht der Behörde, darüber zu entscheiden, welche Beziehungen man pflegen darf und in welcher Form, kann zum Dreh- und Angelpunkt von psychischer Belastung werden. Ich habe zum Beispiel einen sehr jungen Patienten, der ist im Land Brandenburg untergebracht. Seine Eltern kamen bei Anschlägen ums Leben, vom einzigen Bruder weiß er nicht, ob der noch am Leben ist. Die Schwester der Mutter lebt mit ihrer Familie in Nordrhein-Westfalen. Bisher war es nicht möglich zu erreichen, dass die Familie der Schwester ihn bei sich aufnehmen kann.

Ein anderer Patient wollte zur Beerdigung eines Familienangehörigen nach Holland fahren. Er beantragte dafür eine Genehmigung, die ihm verweigert wurde. Die Beerdigung des Familienangehörigen war für ihn etwas fundamental Wichtiges. Er musste und wollte unbedingt daran teilnehmen. Er ist deshalb ohne Genehmigung gefahren, wurde erwischt und angezeigt2. Die Ausländerbehörde verweigerte ihm anschließend mit Verweis auf den Gesetzesverstoß den Aufenthaltstitel, der gerade bewilligt werden sollte, und erteilte ihn nur seiner Frau.

Ist in dem Zusammenhang die starke Einschränkung der Bewegungsfreiheit und der Kontakte selbst traumatisierend?

Man muss das eher in dem Kontext sehen, den ich oben beschrieben habe: Diese Aufenthaltsbeschränkung verhindert alle spontanen Versuche, die eigenen Ressourcen zu mobilisieren. Ich will das an der Situation der kongolesischen Patientin aus Brandenburg erklären. Sie hätte unbedingt den Kontakt zu französischsprachigen Leuten gebraucht. Ich habe für sie allein deshalb eine sehr große Rolle gespielt, weil sie mit mir französisch sprechen konnte. In der Stadt, der sie im Asylverfahren zugewiesen wurde, gab es nur noch einen Freund, mit dem sie sprechen konnte, und als der wegzog, nur noch den Ehemann. Wegen der feindlichen Umgebung ist sie auch nicht mehr raus gegangen. Sie hat angefangen zu halluzinieren. Sie kam mehrmals in die Psychiatrie und ist dann schließlich bei uns, bei Xenion angelangt. Diese gravierende Verschlechterung mit dem Auftreten psychotischer Symptomatik ist aus meiner Sicht vorrangig dem langen isolierten Aufenthalt geschuldet. Sie hat schließlich über Xenion vermittelt in der Charité die Anbindung an eine afrikanische Frauengruppe gefunden. Das war ungemein wichtig. Wir haben versucht zu erreichen, dass sie nach Berlin umverteilt wird, aber das ist gescheitert. Aus Kostengründen ist es immer sehr schwierig, das zu erreichen. Also hat sie von Nordbrandenburg aus an der Therapie in der Charité teilgenommen, zum Teil ohne Verlassenserlaubnis, weil nicht mal die Charité erreicht hat, dass sie dauerhaft diese Verlassenserlaubnis bekam. Das hat mich gewundert, weil immerhin – die Charité ist doch nun wirklich eine Respekt einflößende Institution.

Eine solche Isolation wie die, mit der die Flüchtlinge hier zurechtkommen müssen, ist niemandem zuträglich, aber schon gar nicht ihnen in ihrer Situation. Ohne Kommunikation, ohne selbstverständlichen Kontakt befinden sich die Leute wie in einem isolierten Raum, in einer künstlichen Blase, abgetrennt von der Gesellschaft, von allen übrigen Menschen, auch der eigenen Familie, den Freunden usw. Sie haben nur die, die mit in dieser Blase sind, sozusagen gemeinsam in einem Boot auf einem weiten, einsamen Meer. Sie sind dauerhaft abgeschnitten von einer normalen, das heißt sich gegenseitig als Gesellschaftsmitglied anerkennenden Kommunikation, was für mich auch erklärt, warum eine, wenn auch nur kleine therapeutische Anwendung oder allein ein Gespräch mit anderen Hilfsorganisationen als so extrem wichtig erlebt wird. 

Menschen brauchen den Austausch, den freien Austausch, auch gedanklich. Dass man nicht irgendwohin gehen kann, um diesen Austausch zu suchen, der Sprachverlust, der daraus folgt, das Verdonnertsein zur Passivität – man darf nicht arbeiten, nicht studieren, keine Ausbildung machen – , das alles verweist einen auf eine merkwürdige Weise auf sich selbst. Man kann sich nicht mal ablenken auf eine normale, würdige Art. Das fördert halluzinationsähnliche Zustände, Betäubungssensationen, extreme Leeregefühle im Raum. Es entstehen psychiatrische Symptome, die möglicherweise sonst so nicht auftreten würden.

Menschen, die unter einem starken Trauma leiden, wozu oft auch die Flucht selbst gehört, können unter diesen Bedingungen häufig jahrelang nicht darüber sprechen. Innerhalb der Kleinfamilien, die zusammen hier sind, wird oft nicht darüber gesprochen, weil dies nur belastend wäre. Ich habe viel mit bosnischen Leuten zu tun, die Srebrenica überlebt haben.  Sie berichten davon, dass sie Ticks entwickeln, dass sie mit sich selbst sprechen müssen, weil sie in keiner anderen Kommunikation mehr stehen. Nicht selten endet diese Isolation in echten Halluzinationen.

In den Heimen leben ja viele Flüchtlinge zusammen. Wieso entschärft das die Isolation nicht?

Im Gegenteil, die erzwungene Heimunterbringung verschärft die Isolation und die psychische Belastung. Man gewinnt den Eindruck, die Unterbringung sei absichtlich so, um die Leute abzuschrecken, durch die Lage der Heime, die Enge der Unterbringung. Normale Wohnungen sind in der Regel viel billiger, aber die Leute werden gezwungen, in den Heimen zu bleiben.

Ein Heim ist kein sicherer Ort. Neben dem Lärm, – „dass man es nicht aushält in den Ohren“, wie sich viele ausdrücken, gibt es viele Unsicherheitsfaktoren wie die häufig langen Flure, die großen Sanitärräume, in denen Frauen überfallen werden. Aber auch für Männer sind die Heime unsichere, laute, aggressive Orte. Unter dem Druck wachsen Aggressivität und Kriminalität. Die Leute sprechen zudem verschiedene Sprachen, haben also nur wenige Möglichkeiten zur Konfliktbewältigung. Es  passiert immer wieder, dass jemand sein Zimmer zusammenhaut, es eben nicht mehr ausgehalten hat. Natürlich gibt es auch Solidarität untereinander. Aber die Bedingungen sind sehr schlecht. Was ich auch häufig von meinen Patienten höre ist, dass die Abgelegenheit, die langen Wege entlang wenig befahrener Straßen, womöglich am Wald entlang, so bedrohlich und belastend wirken, dass sie trotz der Situation im Heim gar nicht mehr weggehen.

Das heißt Isolation auf vielen verschiedenen Ebenen …

… und in verschiedenen Formen. Nicht nur, dass man ewig wartet und nicht weiß, klappt das jetzt, dass ich hier bleiben kann, es wird einem ständig vermittelt, dass man hier unerwünscht ist. Durch das ganze Prozedere wird den Leuten deutlich gemacht, dass man ihnen nicht glaubt und dass es nicht um die neutrale Überprüfung eines Rechtsanspruchs geht, sondern dass man sie in jedem Fall lieber abweisen, zurückweisen, loswerden würde. Das Asylverfahren wird auf diesem  Hintergrund als Vabanquespiel erlebt.

Was ich ganz häufig beobachte ist, dass das Vertrauen in die europäische Rechtsstaatlichkeit und das Konzept der Menschenrechte verloren geht durch die Art des Asylverfahrens und durch  Regelungen wie die räumliche Aufenthaltsbeschränkung oder das Ausbildungs- und Arbeitsverbot. Wenn dann Erfahrungen mit rassistischer Gewalt dazu kommen, dann verdichtet sich das zu einem fundamentalen Vertrauensverlust. Es gibt Gott sei Dank auch die Erfahrung von Unterstützung, nicht alle sind so ablehnend eingestellt. Die meisten Leute wissen allerdings gar nicht, wie Flüchtlinge hier leben müssen.

Macht das auch einen Teil des Lebensgefühls von Flüchtlingen aus, in einer Blase zu leben, dass so wenige Menschen wissen oder wissen wollen, wie dieses Leben aussieht?

Ja, sicherlich. Wir aus den Helfergruppen machen ja wahrscheinlich auch alle phasenartig ähnliche Prozesse durch. Vor zehn Jahren war ich völlig schockiert, dass es solche Dinge hier gibt, und sagte mir, dafür stehe ich mit meinem deutschen Pass nicht ein, für diese Art Politik. Und wir haben bei Xenion ja nur die Spitze des Eisbergs, die, die es noch relativ gut getroffen haben, denn sie sind ja in einer Behandlung. Ich habe am Anfang meinen Freunden viel von der Situation der Flüchtlinge im Asylverfahren erzählt. Das glaubt einem ja kaum jemand so ohne weiteres. Aber irgendwann nach ein paar Jahren hört man auf, darüber zu sprechen, weil man die Rolle satt hat, immer nur diese schrecklichen Geschichten zu erzählen. Am Anfang ist mir auch nicht gleich aufgefallen, dass das System hat, dass das Asylrecht richtig untergraben wird durch diese Gesetze und durch die Praxis der Behörden. Wenn man das Verfahren offen halten und fair gestalten wollte, würde man mit Menschen nicht so umgehen. Diese Umgangsformen, die ich zunehmend als Schikanen werte, erinnern von der Struktur her an Mobbing. Das Ganze scheint der Öffentlichkeit und auch der Polizei dabei zu helfen, das Gefühl aufrecht zu erhalten, man sollte alle abschieben. Die Politik erteilt die Erlaubnis, Menschen als rechtlos zu betrachten, sie betreibt geradezu eine Enttabu­isierung von Erniedrigung. Ich weiß nicht, wie ich es sonst werten soll. Eine Gesellschaft muss sich überlegen, ob sie das will und was das mit ihr macht.

1 Ulrike Gäbel u.a. (2006): Prävalenz der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) und die Möglichkeiten der Ermittlung in der Asylverfahrenspraxis, Zeitschrift für Klini­sche Psychologie und Psychotherapie, 35 (Nr. 1/2006).

Zur Weigerung der Bundesregierung, wissenschaftliche Ergebnisse und das Urteil zugunsten Traumatisierter umzusetzen siehe auch: Hans-Wolfgang Gierlichs (2007), Trauma­tisierung bei Flüchtlingen. Antrag abgelehnt, Deutsches Ärzteblatt, 104 (Heft 24/2007), 304; sowie Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE in BT-Drs. 16/3746 v. 6.12.2006.

2 Dazu sei angemerkt, dass die Reise in ein anderes EU-Land nicht strafbar ist, wohl aber das Durchqueren der deutschen Landkreise auf dem Weg dahin.