Auswirkungen II: Zur Situation von Frauen – Interview

2. September 2009 | Kategorien: Kapitel des Reports | drucken

„Die Kontrolle ist vor allem eine psychische“

Interview mit Florence Sissako

Im Durchschnitt wurden in den letzten Jahren 30 Prozent der Asylanträge von Frauen gestellt. Bei den Verurteilten wegen wiederholten ‚Residenzpflicht‘-Verstößen ist der Frauenanteil auffallend niedriger und liegt bei etwa 8 Prozent. Im folgenden Gespräch erläutert die Gesundheitswissenschaftlerin Florence Sissako, Begründerin der brandenburgischen Organisation Women in Exile, die geschlechtsspezifischen Unterschiede, wie sie sie selbst als Flüchtling erlebte und in der langjährigen Arbeit von Women in Exile kennen gelernt hat.

Gibt es Unterschiede in den Erfahrungen von Flüchtlingen, die man eindeutig dem Geschlecht zuordnen kann, besonders im Zusammenhang mit der ‚Residenzpflicht‘?

In den Heimen gibt es viele Probleme mit Gewalt. Die permanente Anspannung, das Leben auf engstem Raum mit reduzierten sprachlichen Möglichkeiten und diese Untätigkeit sind ein Nährboden für Gewalt. Darunter leiden Frauen am meisten. Die Alleinreisenden, seien es nun Frauen mit Kindern oder ganz Alleinstehende, sind besonders gefährdet, Opfer von Belästigungen und Übergriffen zu werden, aber es gibt auch die Gewalt in den Familien. Alle leben unter Druck, die Männer oft mit Depressionen, mit Alkoholismus. Ihre Rolle ist infrage gestellt, weil sie nicht arbeiten dürfen. Das soll nur erklären, auf welchem Hintergrund es dazu kommt.

Verschärft sich diese Situation noch durch den Zwang, erst eine Erlaubnis zu beantragen, um zum Beispiel Verwandte besuchen zu können und dort vielleicht emotionale Unterstützung zu bekommen?

Ja, aber…, wie soll ich sagen? Einige bekommen eine Genehmigung, andere nicht. Das ist wie ein Würfelspiel, und ich ermutige immer dazu, sich darüber hinwegzusetzen. Viele Frauen haben aber keinen Mut z. B. gegen das Residenz­pflichtgesetz zu verstoßen und `rauszugehen aus ihrer bedrückenden Situation. Sie schaffen das nur, um nahe Freundinnen oder Verwandte zu besuchen. Die meisten haben ja solche Kontakte in Deutschland, deswegen sind sie hierher gekommen und nicht in ein anderes Land. Wenn man aufbrechen muss, dann versucht man natürlich dahin zu gehen, wo man Menschen kennt, die einen unterstützen können. Aber jede Geschichte ist anders.

Viele Männer verlassen die Heime, tauchen dort nur noch einmal im Monat zum Zurückmelden auf und leben illegal mit allen Konsequenzen der Illegalität in den Städten. Wäre das für Frauen überhaupt möglich?

Die Frauen, die Kinder haben, müssen unbedingt im Heim bleiben, weil die Kinder zur Schule oder in den Kindergarten gehen. Du kannst wirklich nicht unterwegs sein, wenn du ein Kind hast. Vielleicht zu Besuch an Feiertagen. Aber auch für Frauen ohne Kinder ist es sehr schwer. Wenn du keine Verwandten oder enge Freunde hast, hast du keinen Schutz.

Aber in den Heimen gibt es ja auch keinen Schutz. Man hört immer wieder, dass sich die Frauen abends nicht mehr aus den Zimmern trauen, nicht einmal, um auf die Toilette zu gehen.

Ja, ich selbst, als ich noch in der Situation war, habe etwas in meinem Zimmer organisiert, um nachts nicht auf diesen schrecklichen Flur zu müssen. Es ist in den meisten Heimen nichts von innen abschließbar, weder die Zimmer noch die Toiletten. Man ist die ganze Zeit in einer Art Ausnahmezustand und Überlebenstraining.

Das heißt, man kann nicht von innen abschließen?

Du hast für das Zimmer einen Schlüssel, aber du kannst nur von außen abschließen, nicht von innen. Die Toiletten haben gar keine Schlüssel und oft gibt es auch keine geschlechtsgetrennten Sanitärräume. Das ist zumindest in den meisten Heimen so. In einigen gibt es abgetrennte Wohnungen, und natürlich kenne ich nicht alle Heime, aber sehr viele. Dadurch, dass immer weniger Flüchtlinge ankommen, sind auch die nationalen Communities kleiner und der Schutz, den eine solche Community gewährt, geringer oder es gibt ihn gar nicht mehr. Für Frauen, vor allem die mit Kindern, ist die Heimunterbringung ein viel größeres Problem als zum Beispiel die Polizeikontrollen.

Frauen, so hat man den Eindruck, werden viel seltener kontrolliert.

Ja, vor allem, wenn sie mit Kindern reisen. Manche reisen in den Ferien mit den Kindern weit weg zu Verwandten ohne eine einzige Kontrolle. Trotzdem ist die Angst vor den Kontrollen viel größer. Mit Kindern kannst du nicht weglaufen, du willst ihnen solche Situationen ersparen, du bist verwundbarer. Auch für Frauen ohne Kinder sind Polizeikontrollen real ein geringeres Problem als für Männer, aber psychisch ein wesentlich größeres. Die Frauen bleiben deshalb länger im Heim als Männer. Das ist eine Tatsache. Sie brauchen wirklich Monate, bis sie sich trauen, diese schrecklichen Orte zu verlassen. Aber sie haben auch schlechtere Bedingungen, sich im informellen Sektor durchzuschlagen. Sie haben meistens sehr viel hinter sich, wenn sie hier ankommen, hatten diesen Überlebensmut, den Willen sich durchzubeißen. Aber sie kommen mit der Erwartung: Jetzt bin ich in einem sicheren Land. Jetzt wird es mir gut gehen. Dann sind sie am Ziel, und plötzlich gibt es unüberschaubare und nicht nachvollziehbare Verbote und Restriktionen. Ich glaube, ab diesem Moment setzt eine große Verunsicherung ein, und sie wissen nicht mehr, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Sie brauchen wirklich viel Zeit, bis sie aus dieser Starre wieder herauskommen.

Es war bei mir so, und ich beobachte es bei anderen Frauen auch. Als ich hierher kam und mir die elementaren Dinge verboten wurden und ich nicht verstand, warum, habe ich mir gesagt: ‚Okay, bleib erst mal ruhig!‘ Ich war in Hennigsdorf bei Berlin und kam dort nicht weg. Ich habe meine Freundin in Bonn angerufen und sie gefragt: ‚Was sind denn das für Geschichten hier? Ich darf nicht zu dir kommen, und niemand darf zu mir kommen! Wer mich besucht, darf nur einen Tag von 9 bis 22 Uhr bleiben, was soll denn das?‘ Sie wusste es auch nicht, und auch sie hat mir empfohlen: ‚Bleib erst mal ruhig, du musst erst mal beobachten, was da passiert, wie man damit umgehen kann.‘ Ich glaube, das ist die psychische Verfassung von vielen Frauen. Männer können einfacher weggehen, sie haben ein anderes Ego und andere Netzwerke.

Es gibt also diese zwei Ebenen: psychisch sind die Frauen stärker von der Residenzpflicht betroffen als Männer, aber real sind sie von Kontrollen, vor allem auf der Straße, und von der Kriminalisierung weniger betroffen.