Auswirkungen III: Gefangen im Umfeld der Täter

2. September 2009 | Kategorien: Kapitel des Reports | drucken


Opfer rassistischer und häuslicher Gewalt  

„„Diese Restriktionen behindern unsere Arbeit als Opferberatungsstelle, und sie machen uns unglaubwürdig, weil wir schließlich beim Elementarsten nicht helfen können: dass ein Mensch den Ort der Traumatisierung ver­lassen darf.“

(Judith Porath, Opferperspektive Brandenburg e.V.)


Ein Flüchtling wird mit einer Glasscherbe angegriffen. Seine Reaktion: Er wäscht sich das Blut in einem Brunnen ab, eilt sofort zum Bahnhof und verlässt fluchtartig die Stadt. Er will absolut nicht an diesen Ort zurück und macht sich nur durch das Fortbleiben strafbar. So die aktuelle Problemlage eines Klienten des Vereins Opferperspektive Brandenburg. Kay Bolick von der Partnerorganisation Lobbi in Mecklenburg erläutert: „Um die selbstverständlichen Dinge zu tun, die man in solch einer Situation tut, etwa die Nähe von Menschen suchen, die einem emotionalen Rückhalt geben, müssen Flüchtlinge einer offiziellen Person, von der sie abhängig sind, berichten, dass sie zum Opfer gemacht wurden. Das allein ist schon eine große Hürde und Belastung.“

In den neuen Bundesländern gibt es spezialisierte Beratungsstellen für Opfer rechter Gewalt. Ein großer Anteil der Klientinnen und Klienten sind Flüchtlinge. Die ‚Residenzpflicht‘ kriminalisiert nicht nur die spontanen Reaktionen,  sondern erschwert oder verhindert den Zugang zu Hilfsangeboten, ähnlich wie es Ruth Bierich im Interview über die Auswirkungen auf Traumatisierte beschreibt1. Vor jedem Hilfsangebot steht ein Verwaltungsakt. Das macht alle Wege kompliziert und schränkt Hilfsmöglichkeiten stark ein. Ein großer Teil der Anstrengungen muss darauf verwendet werden, Verlassenserlaubnisse zu bekommen.

Besonders unerträglich ist die Situation, wenn die Täter in der gleichen Region, im gleichen Ort wohnen. Die ständige Konfrontation bzw. die Gefahr, ihnen jederzeit begegnen zu können, stellt eine enorme psychische Belastung dar und ist außerdem eine reale Gefährdung. Umverteilungsanträge in  andere Landkreise oder in die größeren Städte werden regelmäßig abgelehnt.

Die gleiche Erfahrung machen die Mitarbeiterinnen von Frauenhäusern. Für Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, sind vor allem die Wohnortauflage und die Verweigerung von Umverteilungen ein  großes Problem. „Auf die Einhaltung der räumlichen Aufenthaltsbeschränkung pocht hier niemand mehr, das hat sich ‘rumgesprochen, und es gibt auch entsprechende Anweisungen für den Aufenthalt im Frauenhaus“, meint Angelika Damm vom Zweiten Frauenhaus in Hamburg.

Allerdings ist auch hier jeder Schritt, ein Hilfsangebot oder eine Zufluchtstätte in Anspruch zu nehmen, mit der Offenbarung gegenüber einer Behörde verbunden, zu der in der Regel kein Vertrauensverhältnis besteht.  Ist die Unterbringung in Frauenhäusern meist mit einigem Verwaltungsaufwand möglich, so wird die räumliche Beschränkung für die ambulante Begleitung und Unterstützung zum großen Problem. 

1 Siehe Interview ab Seite 73