Interview mit Christopher Nsoh: Isolation, Kontrolle und Rassismus

2. September 2009 | Kategorien: Kapitel des Reports | drucken

Interview mit Christopher Nsoh, Flüchtlingsinitiative Brandenburg

Der Sozialwissenschaftler Christopher Nsoh kam als Asylsuchender in die BRD, lebte fünf Jahre mit diesem Status und den Auflagen der räumlichen Beschränkung. Er ist Mitbegründer der Flüchtlingsinitiative Brandenburg FIB und beschreibt seine Erfahrungen mit der ‚Residenzpflicht‘ wie folgt:

Dieses Gesetz hat viele negative Auswirkungen, und es hat viele Asylsuchende kriminalisiert. Es liefert sie der Willkür von Polizeibeamten aus, weil man ohne die Verlassenserlaubnis schon durch die bloße Anwesenheit zum Straftäter wird. Bei Kontrollen machen die Beamten oft, was sie wollen. Ein Polizist sagt nicht gegen den anderen aus, und bei Gericht wird immer den Beamten geglaubt.

Sind die Polizeikontrollen das größte Problem?

Die Kontrollen sind ein Aspekt, ein anderer ist die Isolation. Die meisten Asylsuchenden sind an Orten untergebracht, an denen sie isoliert sind, sei es im Wald, in der Nähe der Autobahn oder in Gewerbegebieten. Meistens müssen sie aus dem erlaubten Bereich herausgehen, um Leute zu treffen, sowohl Deutsche als auch Leute aus ihrem Land. Die Angst davor, kontrolliert zu werden, Strafen zahlen zu müssen oder gar in Haft zu kommen, die Furcht vor der Polizei, mit der viele schlechte Erfahrungen gemacht haben – all das isoliert. Die Residenzpflicht ist ein Instrument des Ausschlusses aus der Gesellschaft und führt zur Entfremdung von ihr.

Wie reagiert die Gesellschaft?

Dieses Gesetz fördert Rassismus in der Gesellschaft. Es führt dazu, dass Polizisten alle fremdländisch aussehenden Menschen für Asylsuchende halten. Zu allererst fördert es Stereotypen im Kopf der Beamten. Die Kontrollen finden in der Öffentlichkeit statt, und sie vermitteln Passanten ein sehr ärmliches Bild von denen, die da kontrolliert werden. Manche bleiben stehen und fragen: „Warum werden Sie kontrolliert?“ Sie haben eine Art Mitleid. Andere denken: ‚Siehst du, sie werden kontrolliert, also haben sie etwas Kriminelles getan.’ Speziell afrikanische Leute, asiatische, indische. Bei ihnen wird von vornherein  angenommen, sie seien kriminell. Die Kontrollen unterstützen Dominanz- und Überlegenheitsgefühle bei Deutschen. Sie denken: ‚Wir sind die besseren Menschen und  müssen unsere Gesellschaft vor denen da schützen.’ Nationalistische und rassistische Haltungen werden so in die Öffentlichkeit getragen.

Die negative öffentliche Darstellung ist das eine, der Ausschluss das andere Thema. Wer ständig Kontrollen befürchten muss, wird von der Öffentlichkeit ausgeschlossen. Man kann sich nicht frei öffentlich bewegen. Das macht krank. Entweder bleibt man in der Isolation dieser unwirtlichen Orte, oder man fühlt sich ständig verfolgt. Man hat dauernd das Gefühl, es ist jemand hinter einem, spioniert hinter einem her. Ich erinnere mich, dass ich noch ein halbes Jahr, nachdem ich meine Aufenthaltserlaubnis hatte und nicht mehr im Lager wohnen musste, das Gefühl hatte, dass ständig jemand hinter mir ist. Ich war regelrecht psychisch gefoltert dadurch, dass ich fünf Jahre lang ständig kontrolliert worden bin und immer das Gefühl haben musste, jemand ist hinter mir her. Diese psychische Störung haben viele Asylsuchende. Zusammen mit den anderen belastenden Faktoren ist es eine ernsthafte Gefahr, psychiatrische Probleme zu bekommen.

Neben der Polizei gibt es auch Bürger, die irgendwie mitbekommen, dass du eine spezielle Erlaubnis brauchst, um dich bewegen zu können. Sie sprechen dich an: ‚Hey, du bist doch bestimmt ein Asylant! Was machst du hier? Wo ist deine Erlaubnis, dich hier aufzuhalten?‘ Das ist Mitgliedern der Flüchtlingsinitiative mehrmals passiert. Die Ideologie der Unter- und Überlegenheit wird mit diesem Gesetz transportiert. Das Gesetz ist diese Ideologie. Die Leute übernehmen die Haltung, dass es nicht das Recht eines jeden Menschen ist, sich frei zu bewegen, sondern dass sie selbst mehr Rechte haben. Sie haben dabei nicht das Gefühl, dass sie sich rassistisch oder diskriminierend verhalten, wenn sie mich, weil ich schwarz bin, fragen, ob ich überhaupt das Recht habe, da zu sein, wo sie sind.

Und die Rolle der Ausländerbehörde?

Die Residenzpflicht hat die absolute Kontrolle zum Ziel, die Möglichkeit, jederzeit zu wissen, wo Du bist und was Du tust. Es gibt keine Privatsphäre. Die Ausländerbehörde meint, sie habe das Recht dazu. Die Angestellten versuchen immer, ihre Macht darzustellen, zu zeigen, dass sie entscheiden. Sie tun Dinge, nur um zu demonstrieren, dass sie sie tun können, auch wenn es nicht legal ist oder nicht im Sinne des Gesetzes. Letztendlich ist es ein Machtkampf, in dem sie dauernd zeigen, dass sie stärker sind.