Reportage: Plauen, Sachsen

25. August 2009 | Kategorien: Kapitel des Reports | drucken

Wer den Bahnhof betritt, macht sich schon verdächtig

Die vierjährige Diana ist der Shooting-Star der tschetschenischen Familie Mxxxxx. „Unsere Jüngste ist die Einzige, die reisen darf“, erklärt ihr ältester Bruder, der 18-jährige Suleiman, den Witz dieser Absurdität sichtlich genießend, und verbeugt sich vor der kichernden Schwester. Er darf es nach wie vor nicht, erzählt er. Gestern erst hat er die Gelegenheit verpasst, zu einem Wettkampf mit nach Brandenburg zu fahren. Suleiman ist im Kampfsportverein. Donnerstag erfuhr er, dass er in der Wettkampfliste nachgerückt ist. Sein Trainer hat etwas für die Ausländerbehörde geschrieben, aber die hat freitags zu, also ist der Verein am Wochenende ohne ihn gefahren.

Diana thront auf dem riesigen Sofa zwischen ihren Eltern, die von dem Dorf bei Grosny erzählen, in dem Zairan Mxxxxxx Melkerin und ihr Mann Scherip Traktorist war. Ihrem  Asylantrag ist nach fünf Jahren Verfahren stattgegeben worden, aber der Bundesbeauftragte für Asylangelegenheiten hat einen Berufungsantrag gestellt. „Die Begründung ist so abwegig, dass es offensichtlich ist, die rechtskräftige Anerkennung soll, wie so oft, verschleppt werden“, meint der Anwalt Bernward Ostrop. „Es kann Jahre dauern, bis die Anerkennung durch die nächste Instanz bestätigt wird.“ Diana kam auf die Welt, als die Familie schon ein Jahr in Deutschland war. Als ihr Asylantrag gestellt wird, ist das Amt des Bundesbeauftragten gerade abgeschafft worden. Deshalb bleibt sie anerkannter Flüchtling, darf sich frei bewegen, bekommt den normalen Sozialhilfesatz und Bargeld, der Rest der sechsköpfigen Familie nicht.

Seit 2003 spielt sich das Leben der Mxxxxxs zwischen dem unteren und dem oberen Bahnhof des hügeligen Plauen ab. Plauen ist das Zentrum des sächsischen Vogtlandkreises. Bis August 2008 war die Stadt kreisfrei, und um das Stadtgebiet herum eine unsichtbare Grenze, die nur Flüchtlinge kannten, weil nur sie sie einhalten mussten. Wer einen der zwei Bahnhöfe betrat, bekundete bereits die Absicht, den zugewiesenen Bezirk zu verlassen, wer ohne Verlassens­erlaubnis in einen Zug stieg, hatte sich schon strafbar gemacht. Frau Mxxxxxx ist mehrmals aus dem Zug geholt und angezeigt worden. Die Vierzigjährige trägt ein nach hinten gebundenes Kopftuch, nicht streng muslimisch, die Haare bedecken die Stirn, und trotzdem sieht sie fremd genug aus für die Bahnpolizei, die sie schnell als eine identifizierte, die in keinen Zug steigen darf. „Sie haben mich dann noch zweimal unterwegs erwischt“, erzählt sie mit einem Lächeln zwischen Verschwörung und Verlegenheit. Beschämend sei es, wenn die Beamten kommen, die Personalien aufnehmen, einen aus dem Zug weisen.

Im Juli 2007 bekommt sie einen Bescheid von der Ausländerbehörde. Sie sei eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung der Bundesrepublik Deutschland, steht darin, und deshalb sowie aus „spezialpräventiven Gründen“ werde sie ausgewiesen. Vorgeworfen werden ihr vier Verstöße gegen die räumliche Beschränkung und zwei Ladendiebstähle „geringwertiger Sachen“. „Es liegt daran, dass ich kein Deutsch konnte. Ich konnte nichts erklären“,  meint sie, die sich immer noch nicht vorstellen kann, dass es bei der Bewertung der Verstöße gegen die räumliche Beschränkung auf Motive nicht ankommt. Gegen die Ausweisung hat sie mit ihrem Anwalt Widerspruch eingelegt.

Die Aktion der Behörde ist überzogen, aber nicht einzigartig, und Zairan Mxxxxxxx Geschichten sind typisch: Der Einkauf mit einer Zimmernachbarin, sie benutzen einen Einkaufswagen gemeinsam. Kurz vor der Kasse merkt Frau Mxxxxxx, dass sie etwas vergessen hat und geht zurück. Die Nachbarin kommt an die Kasse, zahlt ihre Waren und schiebt die von Frau Mxxxxxx unbezahlt weiter. Die beiden können sich nicht erklären. Das Ergebnis: gemeinschaftlich begangener Diebstahl. Als sie mit der jüngsten Tochter Diana schwanger war und ins Krankenhaus musste, hat sie tatsächlich einen Strampler mitgehen lassen. Gefährlich für die Bundesrepublik.

Die Verwandten im Vogtlandkreis könnte sie heute ohne Verlassenserlaubnis besuchen. Solange Plauen kreisfrei war, brauchte sie aber eine Genehmigung und die Behörde hat nur drei Tage in der Woche geöffnet. Es gibt auch Verwandte in Berlin und in Schleswig-Holstein. Wenn Mxxxxxs wegen der weiten Strecke mehre Tage dorthin fahren wollen, müssen die Verwandten dafür eine aktuelle Meldebescheinigung besorgen. Davon will die Behörde eine Kopie, bevor sie die Erlaubnis erteilt. Für die Verwandten ist das mühselig und für Mxxxxxs unangenehm. 

Mxxxxxs sind die Einzigen in Plauen, die tschetschenisch sprechen. Außer mit einer russischen Familie im Heim und mit den Russlanddeutschen, mit denen sie nichts verbindet, können sie mit niemandem in einer ihrer vertrauten Sprachen sprechen. „In Plauen interessiert sich nur die Polizei für uns“, erzählt Herr Mxxxxx lachend. Er möchte gerne arbeiten und dabei besser Deutsch lernen. „Es ist anstrengend, immer zu Hause zu sein und zu sitzen“, sagt er, „man bekommt viele Probleme.“ Er hat eine Stelle gefunden, müsste aber auf Montage gehen. Dafür bekommt er keine Verlassenserlaubnis, und eine andere Arbeit findet er nicht. Er unterliegt ja weiter der Vorrangprüfung.

Anfangs waren sie froh, überhaupt irgendwo unter zu kommen. Sie wohnten zu fünft in einem Zimmer der Sammelunterkunft in der ehemaligen Krankenstation einer alten russischen Kaserne. Heute haben sie eine Vier-Zimmer-Wohnung. Herr Mxxxxxx Arzt hat dafür gesorgt. Wegen einer schweren Kriegsverletzung am Kopf war der Lärm in der Enge des Heimes für ihn die Hölle. Nebenan wohnt eine alte Frau, die mit ihnen Deutsch spricht. Von der Küche aus kann man den oberen Bahnhof sehen. Zu Fuß ist man in fünf Minuten dort und könnte überallhin fahren.