Freiheit und Angst

24. August 2010 | Kategorien: Fälle, News | drucken

Brandenburg, Landkreis Uckermark
Quelle: Betroffener

„Irgendwann habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und bin einfach gefahren.“ Die Entscheidung war ihm nicht leicht gefallen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er Angst. Angst, dass er gleich abgeschoben wird, wenn er ohne „Urlaubsschein“ nach Berlin fährt. Aber so konnte er nicht weiterleben, im Heim in Prenzlau, den ganzen Tag nur essen und schlafen, nichts zu tun, das Leben verschenkt. „Ich werde verrückt, wenn das so weiter geht. Das ist wie Sterben.“

Die Schikanen fingen schon in Eisenhüttenstadt an, wo Soh Sorel*, 32 Jahre, im Sommer 2009 Asyl beantragte. Drei Monate musste er in der Aufnahmeeinrichtung bleiben. „Eisen, das ist eine Stadt, die mich traumatisiert hat.“ Essen mit Essenskarten, das umzäunte Gelände nur mit Chipkarten verlassen können, und draußen in der Stadt –: „Die Leute meiden einen.“ Das Leben in Eisenhüttenstadt war wie ein „Gefängnis im Kopf“. An Fahrten raus aus der Stadt dachte er damals noch nicht, zu gefährlich.

Nach der Umverteilung nach Prenzlau ist das „Gefängnis im Kopf“ größer geworden, ausgedehnt auf die Grenzen der Uckermark. Einmal ging Soh zur Ausländerbehörde, er wollte nach Berlin fahren. „Sie fragten mich, warum ich nach Berlin fahren wolle, was ich da tun wolle und so weiter.“ Einen Urlaubsschein bekam er nicht.

Irgendwann hat er sich für seine Freiheit entschieden und ist gefahren. Bereut hat er es nicht. In Berlin hat er Freunde gefunden, politische Kontakte, mit kleinen Jobs hält er sich über Wasser. Doch die Angst ist geblieben, denn zwei Mal im Monat muss er nach Prenzlau fahren. Des öfteren wurde er Zeuge von Polizeikontrollen. Einmal sah er, wie Polizisten in Zivil alle Flüchtlinge im Zug kontrollierten und mit ihnen in Eberswalde ausstiegen. Er hatte Glück und wurde übersehen. Ein anderes Mal wurde ein Afrikaner wenige Plätze neben ihm kontrolliert. Soh konnte sich verstecken. Einmal schloss er sich eine halbe Stunde in der Toilette ein. Und immer wieder Gesundbrunnen, wo die Polizei schon auf dem Bahnsteig wartet.

Vor Kurzem wurde er zum ersten Mal selbst kontrolliert. Etwa 20 Minuten nach Gesundbrunnen kamen die Polizisten. Sie hatten ihn schon gesehen, sich verstecken konnte er nicht mehr. Ohne Anrede verlangten sie nach Pass oder Ausweis. Soh tat so, als ob er kein Deutsch verstünde. Dann zeigte er seinen Ausweis. Der Polizist fotografierte das Papier sorgfältig. Der Polizist: „Haben Sie einen Urlaubsschein?“ Soh: „Was? Was?“ Die Polizisten gaben genervt auf und gingen weiter. Ob es eine Anzeige geben wird, weiß Soh noch nicht.

Seit Ende Juli gelten die neuen Regelungen. In seiner Gestattung steht jetzt, dass sich Soh im gesamten Land Brandenburg aufhalten darf. Die Dauerverlassenserlaubnis nach Berlin hätte er wohl nicht bekommen, wenn er das neue Recht nicht gekannt hätte, er musste darauf bestehen. Die Lage hat sich geändert, zumindest für die Zeit, in der seine Gestattung noch gilt. Eine Zeit lang kann sich Soh freuen, dann fängt die Unsicherheit wieder an.

  • persönliche Angaben geändert.